Ein Mensch von Stil und Haltung: Alfred Polgar
«Erfahrung lehrt, dass es beim Dichten wie beim Pistolenschiessen immer ein wenig die Hand verreisst. Meist nach unten. Man muss höher zielen, als man treffen will.» Dieses Aperçu steht in Alfred Polgars «Handbuch des Kritikers». Der schmale Band erschien 1938 im Verlag Oprecht Zürich. In seinem als Brief an den Verleger getarnten Vorwort schreibt der Autor: «Die Daten meines äusseren Lebens sind nicht belangreich. Die meines inneren sind es nur für mich. Von meiner Entwicklung kann ich nicht mehr erzählen, als dass sie stattgefunden hat. Meine Bildung besteht zum grössten Teil aus Lücken. Aber es ist ja uninteressant, was einer geistig zu sich genommen hat; interessant könnte höchstens sein, was er hergibt.»
In diesen knappen Sätzen zeigt sich schon der ganze Polgar: Der Stilist, der Meister der Camouflage und des Understatements. In seinen Texten gibt der Autor sich ganz; sein übriges Leben verbirgt er. «Ich beherrsche die deutsche Sprache, aber sie gehorcht mir nicht immer», schreibt er im zitierten Brief an Oprecht. Seine praktische Ethik bringt er lakonisch auf den Punkt: «Ich glaube an das Gute im Menschen, rate aber, sich auf das Schlechte in ihm zu verlassen.»
Alfred Polgar, von seinem Kollegen Anton Kuh mit dem Ehrentitel «Marquis Prosa» bedacht, war ein Mann von Esprit und Haltung. Deshalb lesen sich seine Kleinen Schriften frisch wie am ersten Tag, auch wenn ihre Anlässe längst verblasst und vergessen sind. Generationen von Feuilletonisten haben bewundernd zu ihm aufgeschaut. In seiner Verbindung von Hintergründigkeit und Leichtigkeit war er einzigartig. Tausende von Texten hat er verfasst und immer wieder umgestaltet, um sie in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern zu rezyklieren. Wirklich zu fassen war er nie. In den Memoiren seiner Zeitgenossen blieb er eine Randfigur, ein soignierter Mensch ohne feste Wohnung, ohne Geschichte. Nur dass er Kette rauchte, prägte sich ein. Eine ernsthafte Unterredung mit ihm zustande zu bringen, notierte Robert Musil, sei schwieriger, als eine Forelle mit der Hand zu fangen.
Geboren wurde Alfred Polgar 1873 in der Wiener Leopoldstadt als jüngstes von drei Kindern einer assimilierten jüdischen Familie. Seine Eltern betrieben eine Klavierschule. Amtlich hiess er bis 1914 Alfred Polak, das ungarische Wort Polgar, das er sodann als Pseudonym wählte, bedeutet «Bürger». Er besuchte das Gymnasium und absolvierte eine Handelsschule. Bereits mit 22 Jahren wurde er Gerichts- und Parlamentsreporter für die «Wiener Allgemeine Zeitung», später war er als Feuilletonredakteur beim gleichen Blatt tätig. Seit 1905 schrieb er auch Beiträge für die von Siegfried Jacobsohn herausgegebene Wochenschrift «Die Schaubühne». Daneben arbeitete er fürs Kabarett. 1908 erschien sein erstes Buch: «Der Quell des Übels». Er bearbeitete Theaterstücke und übersetzte 1913 Ferenc Molnárs Drama «Lilom» aus dem Ungarischen ins Deutsche. Das von ihm in den Wiener Prater verlegte Stück hatte 1913 im Theater an der Josefstadt Premiere und wurde zum Welterfolg. Im Wiener Café Central begegnete Polgar unter anderen den Literaten Peter Altenberg, Egon Friedell und Anton Kuh. Gemeinsam mit Friedell verfasste er die vielgespielte Groteske «Goethe im Examen».
Wie andere Autoren wurde Polgar zur Zeit des Ersten Weltkrieges im Kriegspressearchiv eingesetzt. In diesen Jahren hielt er auch seine Tätigkeit für verschiedene deutschsprachige Zeitungen in Ungarn aufrecht. Nach Kriegsende wurde er zunächst Feuilletonchef der Zeitung «Der neue Tag» und schrieb für das von Stefan Grossmann herausgegebene Wochenblatt «Das Tagebuch», bevor er sich in den 1920er Jahren als Korrespondent für das Berliner Tageblatt und das Prager Tagblatt nach Berlin wandte. Unermüdlich schrieb er Theaterkritiken, Gerichtsreportagen, Buchrezensionen, Porträts, Zeitbilder, Reisefeuilletons. Angestrengt wirkte er dabei nie. 1929 heiratete er die Wienerin Elise Loewy, geborene Müller.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ging Polgar bereits im März nach Prag. Seine verschiedenen, in den 1920er Jahren im Verlag von Ernst Rowohlt erschienenen Buchpublikationen mit Sammlungen seiner Feuilletons fielen den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen im Mai 1933 zum Opfer. 1937 kehrte Polgar zunächst nach Wien zurück. 1937/38 verfasste er seinen umfangreichsten Text, ein rund 70seitiges Porträt der Schauspielerin Marlene Dietrich. Es wurde zu seinen Lebzeiten jedoch nicht publiziert; Ulrich Weinzierl fand den Text 1984 in New York, als Buch erschien er erst 2015.
Beim Einmarsch der Deutschen in Österreich hielt Polgar sich gerade in Zürich auf, wo er allerdings keine Arbeitsgenehmigung erlangen konnte. Deshalb reiste er weiter nach Paris. Nachdem die deutschen Truppen 1940 auch Frankreich überrannten, floh Polgar zunächst in die noch unbesetzte Zone nach Marseille, von wo ihm im Oktober 1940 mit Hilfe von Varian Frys «Emergency Rescue Committee» die Flucht über die Pyrenäen, durch Spanien und Portugal in die USA gelang.
In den USA erhielt er wie zahlreiche andere Schriftsteller eine Anstellung als Drehbuchautor bei Metro Goldwyn Mayer, wo er in den Studios von Hollywood «in Sitzhaft» (Alfred Döblin) Drehbücher zu schreiben hatte, die zwar nie verfilmt wurden, den Autoren jedoch ein von den Filmproduzenten garantiertes, überlebenswichtiges Einkommen sicherten. Nach dem Auslaufen dieser Verträge lebte Polgar ab 1943 in New York und schrieb für verschiedene Organe der deutschsprachigen Emigration wie den New Yorker «Aufbau», aber auch für das amerikanische «Time Magazine».
1949 kehrte Polgar nach Europa zurück. Er blieb als Korrespondent aktiv und liess sich in Zürich nieder, wo er mit seiner Frau im «Emigrantenhotel» Urban lebte. Dort ist er 1955 auch gestorben; seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich. «Es mag schon stimmen, dass es für den Menschen das Beste wäre, nicht geboren zu sein, aber wem passiert das schon?» lautet einer seiner bilanzierenden Sätze.
In der Kunst der Nuancierung und des subtilen Hinterfragens bleibt Polgar unerreicht. Wann immer man glaubt, seiner habhaft geworden zu sein, ist er schon wieder an einem anderen Ort. Ihn doppelbödig zu nennen, wäre eine grobe Vereinfachung. Das heisst nun aber nicht, dass seine hakenschlagenden Sätze bloss ein unverbindliches Spiel trieben. Alfred Polgar war ein Mensch, der auch in den schwierigsten Lebensumständen seine aufrechte Haltung, seinen skeptischen Humanismus und seinen klaren Blick bewahrte. Im «Handbuch des Kritikers» schrieb er unter dem Titel «Kriegsstück»: «Die Tatsachen des Krieges, über allem Erfinden und über aller Phantasie, widerstreben der Paraphrase wie der Phrase. Kein Greuel-Dichter kann den Reporter erreichen. Es ist lächerlich, die Hölle noch bengalisch illuminieren zu wollen.» Worte von bestürzender Aktualität!